
Stellt euch vor, ihr wärt verletzt – und Tausende Menschen würden einfach an euch vorbeilaufen. Genau das ist Otto passiert. Eine dünne Schnur, vermutlich Zahnseide, hatte sich tief um seine Zehen gelegt und sie eingeschnürt. Jeder Schritt musste für ihn schmerzhaft gewesen sein. Für die meisten Menschen war Otto einfach nur eine Taube. Für uns wurde er zum Sinnbild dafür, wie oft wir im Alltag wegschauen.
Ein Tier, das kaum jemand mag
Tauben gehören zu den wohl unbeliebtesten Tieren Deutschlands. Oft hört man Begriffe wie „Ratten der Lüfte“ oder Vorwürfe, sie würden Krankheiten verbreiten. Doch viele dieser Vorurteile halten einer genaueren Betrachtung nicht stand.
Luisa, die sich seit Jahren ehrenamtlich um verletzte Stadttauben kümmert, erzählt uns:
„Die würden jeden Tag baden, wenn sie könnten. Die sind super reinlich.“
Ein Satz, der uns überrascht hat. Denn das Bild, das viele von Tauben haben, passt oft gar nicht zur Realität.
Stadttauben sind keine Wildtiere
Was viele nicht wissen: Stadttauben stammen von Haustauben ab. Sie wurden über Jahrhunderte vom Menschen gezüchtet und später ausgesetzt oder zurückgelassen. Deshalb sind sie keine klassischen Wildtiere, die sich unabhängig vom Menschen entwickelt haben.
Heute leben sie mitten in unseren Städten – oft an Orten, die wir gar nicht wahrnehmen: unter Brücken, in Hinterhöfen oder in U-Bahn-Schächten. Ganz nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Ein trauriger Alltag
Gemeinsam mit Luisa begleiten wir mehrere Einsätze.
Neben Otto treffen wir auch Gudrun. Sie sitzt auf einer Baustelle und kann nicht mehr fliegen. Irgendetwas stimmt mit ihrem Flügel nicht. Vorsichtig nimmt Luisa sie auf den Arm und sagt leise:
„Jetzt bist du in Sicherheit, mein Schatz.“
Es sind Momente wie diese, die zeigen, wie viel Mitgefühl hinter ihrer Arbeit steckt.
Wenn Schutz zur Falle wird
Eigentlich sollen Netze an Gebäuden verhindern, dass Tauben dort nisten. Doch immer wieder werden genau diese Netze zur tödlichen Falle.
Luisa zeigt uns ein erschütterndes Beispiel:
„Hier oben sehen wir ein sehr trauriges Bild. In einem Abwehrnetz stranguliert. Das ist leider etwas, was sehr häufig passiert.“
Immer wieder verfangen sich Tauben in den Netzen, können sich nicht mehr befreien und sterben dort einen langsamen Tod.
Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht
Viele Menschen möchten Tauben helfen und werfen ihnen Brot hin. Doch genau das ist laut Luisa keine gute Idee.
„Das mit dem Brot ist immer gut gemeint, ist aber total ungesund.“
Statt Brot sind Körner oder spezielles Taubenfutter deutlich besser geeignet.
Es gibt Lösungen
Neben der Versorgung verletzter Tiere baut Luisa auch sogenannte Taubenhotels. Dort können Tauben geschützt brüten und versorgt werden. Gleichzeitig lassen sich die Eier kontrolliert gegen Attrappen austauschen, wodurch sich die Population tierschutzgerecht regulieren lässt.
In einigen Städten funktioniert dieses Konzept bereits erfolgreich. Trotzdem setzen noch längst nicht alle Kommunen auf diese Lösung.

Was ihr tun könnt
Wenn ihr eine verletzte Taube entdeckt:
- Schaut nicht einfach weg.
- Kontaktiert eine örtliche Tauben- oder Wildvogelhilfe.
- Versucht nicht, schwere Verletzungen selbst zu behandeln.
- Bitte bringt auch Kindern bei, Tauben nicht zu jagen. Was für Menschen wie ein Spiel aussieht, bedeutet für die Tiere enormen Stress.
Vielleicht ein neuer Blick
Wir erwarten nicht, dass nach diesem Artikel plötzlich jeder Tauben liebt.
Aber vielleicht schaut ihr beim nächsten Spaziergang etwas genauer hin.
Vielleicht denkt ihr an Otto.
Und vielleicht verändert Otto heute nicht die Welt.
Aber vielleicht ist er ein Anfang – für einen anderen Blick auf Tauben.
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Ein Beitrag geteilt von Maximilian & Lisa Kraft (@zweidiereisen)